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Artikel aus der NZZ am So 20.12.18 – Gisela Dachs, Tel Aviv

Der verstorbene Schriftsteller wird nicht für seine politischen Essays, sondern für seine einfühlsame Beschreibung israelischer Wirklichkeit gelobt.

Das Ende einer Ära. So heisst es nach dem Tod von Amos Oz in seiner Heimat. Seine älteste Tochter hatte die Nachricht am Freitag auf Twitter bekanntgegeben.
Seither laufen Medien und soziale Netzwerke in Israel schier über von Trauerbekundungen, Kommentaren und Reaktionen.

Staatspräsident Reuven Rivlin nannte Oz «unseren grössten Schriftsteller» und einen «Giganten des Geistes». Der 79-jährig verstorbene Literat stehe für eine «Geschichte von Liebe und Licht und jetzt von grosser Dunkelheit» — in Anspielung auf Oz’ vielgepriesenes autobiografisches Werk «Eine Geschichte von Liebe und Dunkelheit». Der gleichnamige Film über drei Generationen jüdischen Lebens in Jerusalem, unter der Regie von Natalie Portman, wurde am Freitagabend im Fernsehen wiederholt.

Erneut ausgestrahlt wurde auch ein einstündiges Interview von 2012. Man sieht und hört Oz da eloquent mit der prominenten Journalistin Ilana Dayan streiten, die ihn mit der Frage herausfordert, ob seine linken politischen Ansichten denn nicht längst von der nahöstlichen Realität überholt seien. Sie meint arabischen Fanatismus uhd „Unnachgiebigkeit, die so Vielen Israeli Angst mache. Er antwortet mit der Notwendigkeit des Optimismus.

Politisch hat der Mitbegründer der Friedensbewegung «Peace Now» immer schon polarisiert.
Das Lob aus dem Regierungslager bleibt deshalb ein selektives. Selbst wenn sie in vieler Hinsicht unterschiedlicher Meinung gewesen seien, sagte Regierungschef Benjarnin Netanyahu, schätze er Oz’ Beitrag zur hebräischen Sprache und zur Erneuerung der hebräischen Literatur enorm: «Seine Worte und Texte werden uns weiterhin Viele Jahre begleiten.» Und auch Kulturministerin Miri Regev, die Künstler und Intellektuelle wie Oz gerne als Verräter verunglimpft hat, pries seine Werke, die «in der ganzen Welt Anklang fanden und unsere Herzen inspirierten». Einer der Kommentatoren liess es sich nicht nehmen, anzumerken, wie gerne er Oz’ Stimme als Reaktion auf Regevs Lob gehört hätte.

Amos Oz sah sich immer als ein zionistischer Patriot. Nie hätte er sich auch vorstellen können, woanders zu leben. Gerade deshalb war er ein hartnäckiger Unterstützer der Zweistaatenlösung, der für ihn einzig denkbaren Zukunftsoption. «Wir sind nicht alleine in Israel und in Jerusalem, genauso wenig wie die Palästinenser. Wir können zusammen keine glückliche Familie werden», sagte er 2015. Darum müsse man sich trennen.

Vor wenigen Wochen noch hatte der krebskranke Oz einen persönlichen Spendenaufruf für die liberale J-Street-Organisation in den USA verfasst, die am selben Strang zieht. Seine «moralische Stärke» und sein «Kampf für Gerechtigkeit und Frieden werden sein ewiges Erbe» bleiben, erklärte der Leiter der Jewish Agency und ehemalige Chef der Arbeitspartei, Yitzhak Herzog.

Auch der Chef der Gemeinsamen (arabischen) Liste in der Knesset, Ayman Odeh, lobte Oz als Mann der Gleichberechtigung, der sich nicht davor fürchtete, «zu sagen, was er denkt». Er habe ihn öfters getroffen, und auch wenn sich beide viel gestritten hätten, sei er ein Partner gewesen, der sich für das Ende der Besatzung und für den Frieden einsetzte.